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“Die Eitelkeit der Linie“

Susanne Haun und Andreas Mattern – Zeichnungen und Aquarelle

Gutshaus Steglitz, 21.1.2010

 

Eine Ausstellung wie diese, die zwei unterschiedliche künstlerische Auffassungen unter einem Titel zusammenfasst, ist etwas besonderes. Erfährt sie doch dadurch eine inhaltliche Gerichtetheit in der Zusammenführung der Werke. Darüber hinaus wird auch die Rezeption, sprich Betrachtung, beeinflusst. Zum einen, indem sich im Vorhinein Erwartungen in Form eigener Phantasiebilder zur genannten Thematik ausprägen. Zum anderen wird eine inhaltliche Entsprechung der wortgefassten Ankündigung innerhalb der Exposition sowie im einzelnen Werk zu finden versucht.

 

Das herausragende Merkmal einer mit einem Titel versehenen Präsentation bietet jedoch auch die Möglichkeit, in den Werken trotz verschiedener Ausdrucksweisen das Verbindende zu entdecken, das, wie hier als Wortgebilde vorangestellt ist. In dieser Ausstellung also: “Die Eitelkeit der Linie“, als Charakterzug aller grafischen Momente in den Bildern von Susanne Haun und Andreas Mattern. 

Eine weitere Spannung, Anregung für die Betrachtung dieser Ausstellung findet sich im Aufeinandertreffen von Zeichnungen und Aquarellen. Unweigerlich stehen die Werke in einem Dialog zueinander, werden direkt oder peripher mit den jeweils anderen wahrgenommen. Diese Konstellation  weitet die Gerichtetheit der Betrachtung, nämlich die Werke in Bezug auf den Titel miteinander zu vergleichen und das Spezifische der “Eitelkeit der Linie“ .

herauszufinden.

 

Wer Susanne Haun und Andreas Mattern kennt, weiß um die Nähe der beiden Künstler zueinander. Das jeweilige Gesamtwerk tritt autark auf, doch das  künstlerische Tun des Einzelnen wird durch das gemeinsame Atelier vom Anderen begleitet. Das kommunikative Aufeinandertreffen, das ein beratendes, konsultatives Gefordertsein impliziert, vermittelt zugleich Anregung und Stimulanz, die letztlich in schöpferische Energien münden und den Kern dieses Zweier-Künstlergruppenverhältnisses ausmacht.

 

Unter dem Aspekt, die Werke beider Künstler unter Hinzunahme des Ausstellungstitels anzunehmen, leitet den Prozeß der Auseinandersetzung, inhaltlich nach dem jeweiligen Gegenstand in der Kunst von Susanne Haun und Andreas Mattern zu fragen, sowie stilistisch nach dem Charakteristikum ihrer Gestaltungen zu suchen.

Für den Betrachter bedeutet dies, über sein visuelles Erlebnis hin zu einer     geistigen - inneren - Weite zu gelangen, was als Erweiterung wie Herausforderung der Rezeption gleichermaßen bemerkt werden darf.

Dieses Phänomen vermag, dass der Rezipient, wenn er aus seinem (zuweilen eingeschränktem) Befinden heraustritt, in der Haltung des Sich-Zuwendens,  in den ’Bannkreis der Kunst’ (H. Lange) gelangen kann.

 

“Die Eitelkeit der Linie“ ist eigentlich unschwer zu erkunden, denn Zeichnung kommt ohne Linie nicht aus, und auch das Aquarell bedient sich derer als Mittel, zusätzliche Konturen als erzählende Details im Farbverlauf zu formen.

Dennoch eröffnet der Titel “Die Eitelkeit der Linie“ eine neue Sehweise, nämlich bewusst in den Bildern dem Verlauf eines Strichs aus Tusche oder auch von Farben zu folgen und zu beobachten, welches lineare Eigenleben existiert - in der Strichstärke zum Beispiel oder im Kontrast von Fließen und Präsenz eines Kolorits.

Darüber hinaus evoziert der Titel “Die Eitelkeit der Linie“ ein gedankliches Hinterfragen der Sujets von Susanne Haun und Andreas Mattern, in denen sie ja erst der Existenz von Linien Raum bieten.

 

Beide Künstler offerieren Bildwelten, die auf Wahrnehmung der äußeren Realität beruhen, diese aber mit dem Inneren ihres Selbst verbinden, das sich letztlich in ihren Werken Ausdruck verschafft.

Im direkten Sinn findet Wirklichkeit Eingang in die Werke von Andreas Mattern. Es sind Aufenthalte in Stadt- und anderen Landschaften, die ihm Motive für seine Bilder liefern. Der zusätzlichen Wahrnehmung von Atmosphäre und Licht entlehnt er koloristische Vorgaben, die er zu einem eigenständigem Ensemble farbener Ansichten erweitert.

Bei Susanne Haun ist eher die Nachhaltigkeit eines Erlebnisses - die Begegnung von Personen zum Beispiel - oder die tagtraumartige Vorstellung einer Situation im persönlichen Befinden, die ursächlich zu ihren Bildwelten führen.

 

In den Werken beider wird deutlich, dass sie der Linie einen besonderen Stellenwert einräumen, sie ihre “Eitelkeit“ gar provozieren. Dieses durchaus in der Absicht, sie als Gestaltungsmittel bewusst heranzuziehen.

Das geschieht im Sinne einer vordringlichen Präsenz der Linie als Kontur bei der Formung von Bildgegenständen oder, um damit bestimmte Farbsituationen zu akzentuieren. 

Insofern ist “Die Eitelkeit der Linie“ ein Postulat, das ein Wesenszug der Kunst von Susanne Haun und Andreas Mattern markiert.

Unterschiedliche Sujets prägen die Zeichnungen von Susanne Haun. Gesichter mit portraitähnlichen Zügen sind gleichermaßen existent wie symbolhaltige Figuren. Das Stilleben in der Vielgestaltigkeit einer Blüte, einer Pflanze ist anzutreffen wie auch die illustrativanmutende Tierdarstellung.

Aus emotional bestimmten Situationen heraus, wie zum Beispiel der Wunsch, Natur in ihrer Gänze zu erfahren, entwirft sie mit empfindsamen Duktus Landschaftsbilder, ohne das diese einem konkret-geografischen Ort zuzuordnen wären.

 

Ihre Zeichnungen sind Resultat von Abstrahierungen des Äußeren in Komplettierung mit den eigenen Vorstellungen. Diese, man könnte sagen, in freier Laune entstandenen Sujets, ihre „Capriccios“, führen insbesondere

“Die Eitelkeit der Linie“ als gestaltgebende Kraft vor.

 

In allem ist es die starke Virtuosität der mit Feder gesetzten – durchgezogenen – Linie, die den Bildern der Phantasie und ihrer Ideen Existenz auf dem Format verleihen.

Die Sicherheit in der Strichführung konzentriert die dargestellten Bildelemente auf ihre Konturen hin. Nur geringe Schraffuren sind nötig, um Volumen oder Perspektive anzudeuten. Hierin liegt ein Charakteristikum der Arbeiten von Susanne Haun. Mit wenigen Umrissen formuliert sie das Gesamtgeschehen. Sparsam nur laviert sie mit verdünnter Tusche Hintergründe, lässt Schatten entstehen oder schafft damit Tonwerte zur Unterscheidung der einzelnen Bildgegenstände.

 

Andreas Mattern findet im unmittelbaren Erleben topografischer Gegebenheiten – wie zum Beispiel in Städten (Venedig, Bonn, Berlin)  oder in Landschaften (Toskana) – seinen Vorrat an Motiven. Ohne Vorzeichnung entwirft er vor dem ’Original der Realität’ sein ’Gegenbild’ auf dem Papier, oder dieses auch aus der Erinnerung heraus im Atelier.

 

Mittels des Aquarells schafft er aus dem Widerpart von Behutsamkeit im Auftragen der Farben und dem Ermöglichen ihres Verlaufs großflächige Formgebilde. Sowohl in der Reduktion auf die kontrastgebende Klarheit der Farbwerte als auch in der Schichtung aufeinander gebrachter Farblasuren liegt die malerische Ausstrahlung seiner Werke begründet.

 

Alles entsteht bei ihm weitestgehend aus dem spontanen Fluss der Farben.

Doch die bewusst mit spitzem Pinsel gesetzten farbigen Linien geben dem Bildgeschehen unweigerlich eine feinsinnige Gliederung.

Imaginäre Räume entstehen so und Gegenstandsformen, die in den erkennbaren Ansichten von Stadt- oder Landschaftsausschnitten die Funktion erzählender Details einnehmen.

 

„Die Eitelkeit der Linie“ findet man in seinen Blättern im filigranen Geflecht von Farbstrichen, die zum Beispiel Architektur – Häuser, Brücken, einen Straßenverlauf oder Kanal u.s.w. – markieren und die Illusion von Masse und Raum entstehen lassen.

Auch in der Funktion von Umrissen erscheinen die lockeren Farbschwünge. Markant tritt zum Beispiel ein lichtstrahlendes Fenster auf diese Weise hervor, oder anders, in den Venedig-Bildern, wird damit ein Schwingen von Bootsleinen suggeriert.

Die zeichnerische Pinselführung setzt Zäsuren und schafft Überhöhung in der Sichtbarmachung von Ansichten authentischer Motive. Und sie schafft das Konstrukt einer vordem nicht existenten, neuen (Bild)Welt.

 

Versteht man unter “Eitelkeit der Linie“ ihre gezielt herausgeforderte Vitalität und Ästhetik, so begeistert sie in der ’Freiheit’ ihrer Existenz, die wiederum Teil der “unendlichen Fruchtbarkeit eines Kunstwerkes“ (U. Eco) sein kann.

 

Dr. Petra Lange

 

Berlin, Januar 2010